Nun, diese Frage habe ich dir ja aus deinem fiktiven Mund genommen, vor allem, weil ich es schon so oft gehört habe. Es hat jedenfalls nichts mit stundenlangem Üben zu tun, oder mit Gewaltakten an der Gitarre, um endlich die Neue Stuation von dir selbst oder anderen zu erpressen. Vielmehr möchte ich es mit Lebenserfahrung, mit einer gewissen Weisheit im Umgang mit deiner Persönlichkeit selbst und deinen Talenten beschreiben, ein kurzer Moment des Innehaltens und des perfekten Reagierens in neuer Form. Dies gelingt nicht immer und ist schon gar nicht reproduzierbar.

Ob du es auch lernen kannst, weiß ich nicht, jedoch möchten wir dir helfen, über den Tellerrand zu blicken und nicht nur immer dieselben Akkorde zu klopfen oder dieselben Tonleitern rauf und runter spielen zu müssen.

Wenn du deine Musezeit an der Gitarre hast, dich niemand stört, du in guter Laune bist, die Töne auf der Klampfe plötzlich intensiver eindringen als sonst, dann könnte so ein Moment sein, wo du dir unbedingt selbst und mit der Gitarre Zeit nehmen solltest. Lass diese Gelegenheit nicht an dir vorbeigehen, sie ist so selten. Du wirst sehen, in dieser Zeit pressiert es dir gar nicht mehr, du spielst viel ruhiger, routinierter, der Faktor Zeit gewinnt eine andere Bedeutung, du spielst vielleicht weniger, aber damit auch mehr.

Wenn möglich, nimm dir dein Aufnahmegerät zur Hand und drück schnell drauf. Meist kommen solche Gelegenheiten nicht oft. Dann gehst du Variationen durch, spielst herum, du probierst Dinge aus, die du eigentlich kennen müsstest, aber in diesen Zusammenhang so noch nicht gespielt hast. Tja, das würde ich als geniale Zeit und tolle Gelegenheit für Improvisationen beschreiben. Dann könnten Rhythmen, Begleitungen und Akkordfolgen kommen, die dich selbst überraschen. Oder du übst schon zum hundersten Male eine bestimmte Phrase zum Solospiel auf eine Begleitung, aber nie war es etwas spezielles. Dann - in diesem Moment - kommt plötzlich etwas ganz anderes, deine Finger haben ganz automatisch Bewegungen gefunden, die im Einklang mit deinen Wünschen und dem Erlernten sind. Die Melodien in deinem Kopf realisieren sich plötzlich wie von alleine auf dem Griffbrett, die Fehlerchen jucken dich dabei gar nicht.

Da wir hier nicht über Profis reden, die darin geübt sind, Ihr Griffbrett auswendig zu kennen und Musiktheorie ganzer Jahrzehnte im Kopf auswendig abgespeichert haben, so ist es doch möglich, daß du mit 3-5 Akkorden einen neuen Song gestalten kannst. Das habe ich mehrmals bei meinen Schwiegervater erlebt, der mit 53 Jahren noch Gitarre spielen lernte und einige Songs geschrieben hat - und zwar gute.

Das Song Schreiben - also eine Melodie kreiren - die Komposition und die Improvisation sind teilweise sehr ähnlich. Man hat so viele Fragmente im Kopf und plötzlich verbindet sich alles zu etwas ganz Neuem.

Ob du es nun lernen kannst, weiß ich nicht, probier es einfach aus. Wenn du es einmal raus hast, dann weißt du: es kommt plötzlich und unerwartet von innen raus wie ein Geschenk.

Aktualisiert ( Dienstag, den 07. Dezember 2010 um 10:20 Uhr )