Das Wichtigste überhaupt, und das ist meine persönliche Meinung, ist es locker zu bleiben. Improvisation kann ich nicht von hier auf jetzt abrufen, bestimmen, mir abverlangen oder gar trainieren, so gerne ich es auch hätte. In all den Jahren meines Gitarrespielens, wo etwas Neues bei mir entstanden ist, war es mir wie ein Geschenk des Himmels, oft sogar nach Wochen der Abstinenz, plötzlich bin ich ganz woanders gelandet, als ich gerechnet hatte. Ich schrieb mir die Idee auf, erweiterte sie in den nächsten Tagen und so kamen Songs heraus, die ich heute nicht oder nie mehr so hinkriegen würde.

Ich denke es ist bei manchen Menschen eine Grundbegabung, für die man nichts kann. Selbst für viel Geld könnte ich es dir nicht lernen. Bei all den vielen hervorragenden Gitarristen dieser Welt, gibt es jedoch nur wenige, die mit dieser Begabung neue Stilrichtungen, Kultur und Einflüsse auf ihre Umgebung ausgeübt haben. Es gibt wohl tausende und zigtausende Musiker, die schwierige Stücke perfekt nachspielen können. Jedoch gibt es nur wenige  - und das obwohl es heute alle Informationen so leicht und einfach zu holen gibt - die mit ihren musikalischen Neuerungen, Überraschungen und ihrer Kreativität jedesmal ihre Zuhörer verblüffen und angenehm überraschen. Ja manche brauchen sogar das Publikum um in diese Stimmung zu kommen, es stachelt sie geradezu an, die verrücktesten Dinge zu tun. Ein Beispiel ist sicherlich Jimi Hendrixs gewesen, auch wegen oder manchesmal unter dem Einfluß von Drogen, die zur sogenannten Bewußtseinsveränderung mitbeigetragen haben, der unter dem Einfluß des Publikums geradezu aufgereizt wurde und selbst nicht wußte, was auf der Bühne alles noch passiert; aber gewisse Grundbegabungen waren schon lange vorher in ihm latent verborgen und mussten nur an die Oberfläche gefördert werden. Die Anstachelung, dieser Reiz, dieses Überwinden von Schüchternheit, die Überwindung von Scham vor Menschen oder die Angst, etwas falsch machen zu können wird in manchen Live-shows geradezu im Gegenteil bis in die höchsten Sphären ausgenutzt und kommt hier und da in Perfektion zur Vollendung, wenn die Umstände und die Zuhörerschaft optimal zusammenpassen.

Ein Zusammenspiel von Jazz Musikern, eine lockere Runde von Rockmusikern, ein gelungener Abend, ein anschließendes Konzert oder eine Jamsession, eine wunderhübsche Vollmond Nacht, ein herrlicher Badetag, ein toller Urlaub, eine Wanderung in den Bergen oder ein Moment des kurzen Aufleuchtens weit früh am Morgen, wenn schon alle schlafen und die Übermüdung noch im Nacken sitzt, das alles können Momente für geniale Eingebungen sein. Oder eine tiefe Traurigkeit in deinem Leben wegen ungünstiger Lebenserfahrungen, oder auch höchste Glücksgefühle weil du dermaßen hoffnungslos verliebt bist und ständig im 7. Himmel bist, so oder ähnlich könnte man Momente beschreiben, in denen Menschen mit solchen Begabungen plötzlich - wie ein nicht erbetenes Geschenk - Eingebungen erfahren, die ganze Musik-Generationen geprägt haben.

Ein anderes Beispiel wäre Eric Clapton. Als ich 1994 bei meinen Schwiegereltern in England war und durch die BBC Sender zapte, blieb ich bei einem Live Konzert hängen, in dem Eric Clapton unplugged mit seiner Akustik Truppe spielte. Nachher gab er ein Interview, in dem er erklärte, daß kurz vorher sein kleiner Sohn vom Balkon stürzte und tödlich verunglückte. Das hat ihn natürlich als Vater sehr stark bewegt - und so griff er nach seiner Akustik Gitarre und er konnte diese widrigen Lebensumstände in musikalischen Trost ohne elektrische Verstärkung umsetzen. Du hast bestimmt schon dieses Lied angezupft: "no tears in heaven". 1 bis 2 Jahre später konnte ich beobachten, daß auch in Deutschland sämtliche Bands plötzlich unplugged spielten. So hat Eric Clapton durch seine Gabe der Improvisation und Kompositionsgabe eine ganze Welle ausgelöst die um die Welt ging. Hätte man Eric dies als Auftrag gegeben würde man heute noch darauf warten. Du siehst, Improvisation hängt immer auch von deinen Lebensumständen, deiner emotionalen Verfassung ab und kann nicht durch einen Auftrag oder Druck abgerufen werden.

Ich würde Improvisation am ehesten als Geschenk beschreiben, es überrascht dich selbst am meisten, denn das Neue hast du nicht erübt, es ist dir einfach aus den Fingern entwischt.

Die ganze Geschichte wird natürlich auch für Sänger interessant, vor allem wenn du dich gerne mit der Gitarre dazu begleitest. Gerade eben während ich diese Zeilen schreibe geh ich in das Zimmer meiner Tochter und sie erzählt mir, genau in dem Moment hat sie ein neues Lied geschrieben, was für ein Zufall. Den ganzen Nachmittag war sie in guter Laune, hat noch ein Schläfchen gemacht und sang den ganzen Tag im Zimmer ihre Lieder - und plötzlich kommt ihr eine ganz einfache Idee, - wir haben noch ein bischen gespielt - ein krönender Abschluss an diesem Tag. Und - sie hat es gleich aufgenommen.

So oder ähnlich geht es manchen Leuten - du brauchst nicht einmal ein versierter Gitarrist sein - aber diese Muse, dieser Drang nach Musik der in deiner Kehle steckt, dass da etwas raus muss, - das kann man nicht lernen, du hast es und kannst dich darin verbessern. Schon Grundkenntnisse am Klavier oder der Gitarre genügen, damit du einen schönen und einfachen Song schreiben kannst. Denk mal an John Denver mit "Country Roads - take me home" - einfacher geht es nicht, aber er hat Millionen Menschen damit glücklich gemacht.

 

Aktualisiert ( Dienstag, den 07. Dezember 2010 um 10:15 Uhr )